All you are going to want to do is get back there

Eine Kurzgeschichte, basierend auf einem Album namens ‚Everywhere at the End of Time‘

Höre dir am besten während des Lesens dieses Album hier an, um die Impression des Textes zu bekräftigen: 

 

 

 

 

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Eine dunkle und kalte Dezembernacht, 1924. Ich sitze auf einer Bank an einer Bushaltestelle am Rande eines belebten Stadtteils. Also, normalerweise ist er das – belebt. Aber es ist zwei Uhr nachts, eine eigenartige Tageszeit. Manche erleben sie, erfahren sie nicht oft. Sie schlafen. Für die anderen kann sie vieles sein: verträumt, gedankenversunken, friedlich. Für mich ist sie… langsam. Langsam im Wesen, denn es passiert nicht viel. Alles fühlt sich ruhig und wie in Zeitlupe an, schlaftrunken, benebelt, unkonzentriert, wie weggeschalten. Ich sitze auf der Bank, will an etwas denken, doch schaffe es nicht. Ich bin nur dazu in der Lage, Eindrücke auf-zunehmen, sie aber nicht zu verarbeiten.
Es schneit heftig. Die vielen Flocken sind wie ein Teil meiner Umgebung, eine Füllung der Luft. Die Straße rauf und runter sieht man die hellen Lichtsphären der Straßenlaternen, die die Flocken, welche durch sie hindurchfliegen, beleuchten. Ein flüchtiger Moment, warmer Erleuchtung, zwischen den Fassaden mächtiger, wenngleich müder Häuser. Mein schwerer Blick wandert langsam zum Boden hernieder, von weißem Staube bedeckt lässt er den Untergrund in seiner Unebenheit nur noch erahnen. Keine Fußspuren zu sehen. Der Schnee wirkt so unbändig schön, in all seiner unverschuldeten, reinen Weiße glitzert er trocken im warmen Licht der Laternen, verschwendet nicht einen Gedanken an das kühle Nass, aus dem er eigentlich besteht. Ein Moment von überaus geschmeidiger Zartheit und Ästhetik. Die Zarten Schneeflocken kitzeln milde verspielt mein Gesicht, bevor sie schmelzen – solch eine vergängliche Schönheit. Wie lange wird sie bleiben? Eine Woche? Ein paar Tage? Oder gar nur diese Nacht? – Wann wird sie uns verlassen, sich auflösen, zu einem grindig-braunem Sud verschwimmen, traurig und niedergetrampelt von ach so vielen Schuhen unachtsamer Passanten, deren Augen die zarte Pracht erblickten, ja, deren Kopf sich wahrscheinlich nicht einmal Gedanken darum machte. Zu beschäftigt. Vertieft in andere, wichtigere Gedanken an andere, wichtigere Ereignisse deren Lebens.
Von irgendwoher dringt Musik gerade noch leise in meine Ohren. Sie ist ruhig und angenehm, doch auch schwer, müde und traurig. Keine hohen Frequenzen, schnelle Rhythmen oder künstliche Töne sind zu hören. Nur Bläser und Streicher, beizeiten auch eine Harfe oder die Halluzination eines Schlagwerkes, stimmen zeitgenössische Stücke an. Doch nicht wie sie es eigentlich tun sollten, verspielt, belebt, lebendig. Vor meinem schläfrigen inneren Auge taucht die Imagination einer alten Grazie auf. Sie ist nicht mehr wie einst, denkt betrübt und voll vergeblicher Sehnsüchte an jene Zeiten der blühenden Jugend zurück. Bald entsinnt sie sich einer ihrer Erfolge einer Darbietung, bald eines warmen Winterabends am Kamin in familiärer Umgebung, bald der verpassten Chance ihres Lebens, dem netten (und heimlich, unglücklich verliebten) Herren, der einst die Straße runter wohnte. So viele gemischte Gefühle, vor allem jedoch traurig verträumte Nostalgie. Doch nostalgische Phantasien hin oder her, am Ende besitzt sie noch immer ein gewisses Maß an Anmut und sinnlicher Ästhetik, Eigenschaften, die sich schüchtern in der Musik wiederspiegeln.
Viele der Stücke erkenne ich selbst wieder, aus dem Radio meiner Eltern. Doch sie wirken teilweise fast grotesk verzerrt, ihrer Unschuld, Lebenslust und Freude beraubt, verlangsamt, fast ersterbend. Wie jemand, dessen Leben nun nach langen Jahren allmählich zu Ende geht. Langsam entschwindet er seiner Existenz, sich darüber völlig im Klaren, was mit ihm geschieht. Er will es nicht, doch weiß, dass es sein muss. Dass es nicht anders sein kann, nicht anders sein darf. Soll er es seinen Geliebten mitteilen, oder – wissen sie es schon?
Die Impression, die die verzerrten traurigen Stücke erzeugen, versetzen mich selbst wie die alte Grazie in den Zustand melancholischer Nostalgie. Bin ich gemeint? Ist es mein Leben, das sich langsam aber sicher seinem Ende nähert? Bin ich am Ende doch nicht mehr als Schnee, eine vergängliche, kurzlebige Schönheit, über die am Ende nur jeder hinwegtritt, als hätte es ihn nie gegeben?
Ich sitze da, gedankenversunken. Der Schnee bleibt allmählich auf meiner Kleidung liegen, will mich zudecken, wie den Boden. Einen Moment überlege ich, ob ich verweilen soll. Einfach eins mit dem Boden werden, oder mit der Bank. Einfach aufhören, separat zu existieren. Ich lau-sche der Musik, spüre, wie mir die Eiseskälte trotz meiner warmen Gewänder schleichend tief in die Knochen fährt. Meine Gelenke fühlen sich steif und schwer an, doch das ist nicht schlimm, denn ich will mich gar nicht mehr bewegen. Einfach still ausharren, bis mich die schwarzen Abyssen in die Weiten des Vergessens hinwegziehen.
Doch dann fasse ich wieder Mut – ich weiß, noch ist es nicht so weit. Langsam stehe ich auf, trotz dem Protestieren meines erschöpften Körpers. Ein letztes Mal schweift mein Blick die Straße hinunter und streift die Lichtkugeln rund um die Laternen, ‚gefüllt‘ mit dem Flimmern zahlloser Schneeflocken. Ich lächle dünn, dann stelze ich, so gut es mir meine Gelenke gestatten, nach Hause.

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