Das Veilchen

Die unzähligen Regentropfen prasselten gegen das kühle Fenster des Zimmers indem der Junge mit den brünetten Haaren saß. Auf sein Handy starrend tippte er mit zitternden Fingern und Händen eine Nachricht in die TextBox im Chat von Em Claire, ein Mädchen, dass der Junge schon seit Jahren kannte. Ein Mädchen, von dem er wusste, niemals so angesehen zu werden, wie er Em ansah. Ein ‘Ping’ erklang inmitten der Stille des Raumes, es kam so plötzlich, dass der Teenager vor Schreck fast sein Android auf den Boden vor ihm gefallen wäre. ‘Hey Noah, du kommst doch auf die Party, oder? Oh! Und vergiss nicht Josh mitzubringen;D’ , stand in der soeben empfangenen Nachricht. Noah hatte die Party schon wieder ganz vergessen, wie immer war er zu versunken in seinen Gedanken, um sich an Partys und Veranstaltungen zu erinnern. Warum sollte er denn auch, dann müsste er sich unter die Leute wagen und mit anderen reden, mit anderen Trinken und für ihn belanglose Gespräche führen. Mit einem unmotivierten Gähnen erhob er sich von seinem Bett, dass er seit gefühlten Wochen nicht mehr vernünftig gemacht hatte, geschweige denn verlassen hatte. Ein Blick auf die kleine Uhr die er auf dem Boden gegen die Wand gelehnt hatte, da er viel zu beschäftigt war um sie richtig an die Wand zu hängen, brachte ihn dazu, zu seinem Kleiderschrank zu trotten von dem er einen hellgrauen Kapuzenpullover und zerrissene Jeans herausnahm und sofort anzog. Ob er jemals die Chance haben würde Em zu sagen wie er sie sah? Vermutlich nicht, ihre Eltern waren beide erfolgreich und hatten einen Haufen an Geld, seine Mutter dagegen bekam dagegen oft nicht einmal das durchschnittliche Grundeinkommen. Es würde so wirken als wolle der Junge nur an das Geld, als wollte Noah sich an dem Reichtum der Familie einen Vorteil verschaffen. Das Hupen eines Autos riss ihn aus seinen Gedanken, etwas genervt ging er aus dem Zimmer auf den schmalen Gang der drei Zimmer Wohnung, er betrachtete sich kurz in dem staubigen Spiegel um seine Haare, die bis zu seinem Kinn reichten, noch etwas zu verwuscheln, wenn er schon durch seine Augenringe so aussah als hätte er seit Monaten nicht geschlafen dann musste er diesen Look schon richtig mit leicht verwuschelten Haaren tragen. Zustimmend nickte er seinem Spiegelbild zu, schnappte sich seinen Schlüssel und machte sich auf den Weg, um den ungeduldigen und hupenden Autofahrer nicht warten zu lassen. Er genoss jeden seiner schlendernden Schritte und betrachtete seelenruhig die Veilchen die einer seiner Nachbarn in dem Vorgarten beim Parkplatz gepflanzt hatte, gelassen ignorierte er den Jugendlichen der im Auto saß und endlich weiterfahren wollte, was er Noah auch mitteilte mit Hilfe eines Schuhs, der den trödelnden Teenager am Hinterkopf traf, mitteilte. “Noah! Komm endlich! Und vergiss meinen Schuh nicht, Emilia wartet!”, schrie ein schwarzhaariger Junge aus dem Auto, während ein anderer auf dem Beifahrersitz nur seufzte als würde er gleich die Nerven verlieren. Beleidigt drückte Noah seine Hand gegen die Stelle, an der der unfreundliche Teenager ihn mit dem Schuh getroffen hatte, aus Protest wollte er den Doc Marten einfach liegen lassen, dann entschied er sich allerdings entgegen und stieg in das Vehikel. “Alex du hast nen Knall” warf Noah genervt ein als er den Schuh zurück gab. “Nein, Josh hat gesagt ich muss dich dazu bringen mich zu beeilen damit er seine geliebte E-” Josh, der 18 Jährige der mit seinen verschiedenfarbigen Augen oft Mädchen betörte, verpasste Alex, dem Jungen mit dem blonden Haar, einen leichten Schlag gegen die Schulter was den Autofahrer dazu brachte nicht mehr weiter zu reden. “Hör nicht auf ihn Noah, Alex hat nur Langeweile.” Josh warf einen bösen Blick zu dem Blondschopf hinüber, dann lehnte er sich zurück und genoss die Autofahrt in dem fast rostfreien Auto, während ein Lied aus dem leicht rauschendem Radio kam welche die Stimmung der drei Teenager in dem Wagen hob. Der auf der Rückbank liegende Noah summte zu dem nostalgischen Gefühl, das von dem Song hervorgerufen worden war. 

Das Gespräch mit Em im Winter vor zwei Jahren, auf dem Spielplatz vor einem geschlossenen Supermarkt, wie er auf der von Schnee bedeckten Rutsche saß und genüsslich den Rauch seiner Zigarette inhalierte, um dem Stress seines Alltags zu entfliehen. Während Emilia ihn mit den ach so schlimmen Problemen ihrer Eltern unterhielt, die sie nie ernst nehmen konnte, da sie alles was sie brauchten, sowie auch das was sie nicht unbedingt brauchten, bereits hatten. Em dachte anders als ihre Eltern, wenn es um Geld ging, oft spendete sie ihr Taschengeld an Organisationen die für Gleichberechtigung aller Gesellschaftsgruppen oder andere Dinge standen. Ihr war klar wie ernst es war, wenn einem das Geld fehlte während ihre Eltern nur über die ärmere Gesellschaftsschicht lachte, was Em oft dazu brachte Diskussionen mit ihrer Familie anzufangen. Mit einem Lächeln im Gesicht schaute Noah verträumt gegen die Decke des Autos, was dazu führte, dass Noah durch die abrupte Bremsung mit voller Wucht vom Rücksitz gegen die beiden Vordersitze befördert wurde was ihn unsanft aus seinen Gedanken riss. “Wir sind daaa! Wo sind die Ladies?” fragte Alex mit betörender Stimme während Josh nur genervt die Augen verdrehte und aus dem Auto stieg. “Wir sind doch noch nicht mal in Ems Haus, jetzt warte doch mal!” rief der Junge, der zuvor gegen den Beifahrer gefallen war, mit gespielt röchelndem Unterton. Alex hingegen kümmerte sich nicht weiter um den Jungen im Auto und rannte wie ein Verrückter, den mit edel aussehenden Steinen gepflasterten Weg entlang zur Haustür, die er sofort enthusiastisch öffnete. “Emiiiiii rate wer endlich auf deiner Party ist!” schrie er über die laute Musik durch das Anwesen in dem lauter unbekannte Gesichter zu sehen waren. Noah, der jetzt endlich aus dem Auto gekrochen war, und Josh warfen sich einen frustriertes Grinsen zu, dann folgten sie dem Punk in die Villa während dieser laut plärrend nach Emilia suchte. Noah erkannte so gut wie keinen auf dieser Party, sie wirkten alle wohlhabend durch die Designerklamotten, die sie trugen und durch die Art wie sie sich verhielten. Das Gefühl nicht in die Menge zu passen ließ ihn nicht los, er sah nicht aus wie diese mit Geld verwöhnten Teenager, er hatte blaue Flecken vom Arbeiten, seine Hose war zerrissen von der letzten Prügelei und sein Pullover war alt, langweilig und ausgewaschen. “..Ich passe hier nicht her.” flüsterte er sich selber zu als er alleine in dieser Menge stand, er bemerkte wie einige von ihnen ab und zu husteten, er hatte seine Freunde aus den Augen verloren. Alleine wanderte er durch die Flure, versuchte irgendwie Em und die anderen zu finden, suchte in jedem Raum bis er schließlich direkt vor Ems Zimmer stand, welches direkt neben einer der Küchen war. Der Junge mit den brünetten Haaren holte tief Luft und nahm all seinen Mut zusammen, er war zwar schon oft in Ems Zimmer gewesen, trotzdem hatte er Angst davor was ihn erwartete. Langsam öffnete er die Tür und blickte hinein, auf einem Tisch stand eine Vase, darin Lila Veilchen, Allium und Rosen welche schon ein paar Blüten verloren hatten. In der elegant aussehenden Vase spiegelte sich die strahlende Flamme einer Kerze die fast zu Ende gebrannt war, doch von Em war keine Spur. Es schien alles still zu sein, bis der Junge ein leises Rumpeln vernahm. Es kam von dem begehbaren Kleiderschrank, dem er sich nun langsam näherte. Doch eine laute Sirene ließ blickten. Er öffnete das Fenster und schaute hinunter in den Garten, der von weißen Rosen übersät war, Krähen saßen in dem fast kahlen Baum und schauten gen Himmel, es war wie in einem schlechten Horrorfilm. Donner hallte durch den rot gefärbten Himmel und als wäre es eine Warnung gewesen, erklang die liebliche Melodie einer Gitarre die fröhlich vor sich hin gespielt wurde. Der Junge am Fenster schüttelte seinen Kopf in Frustration das Mädchen nicht gefunden zu haben, ging zu dem Tisch mit den Blumen und nahm eines der Veilchen heraus, um sich dann wieder auf den Weg nach unten zu machen, wo er den bereits angetrunkenen Alex auf fand. Der betrunkene schrie zusammen mit einigen aus der Menge, andere husteten, den Text zu der Melodie, welche von Josh auf der Gitarre gespielt wurde “..wollt frei wie ein Vogel sein, jetzt bin ich Vogelfrei allein.” kam es von Josh, der plötzlich aufhörte zu spielen, “Leute, da kommt Rauch aus der Küche! Brennt es?!” Verwirrt drehte sich Noah in Richtung Küche, bevor er von der Masse mitgezogen wurde. Alle rannten zu den Ausgängen, Massenpanik in der Alex fast verschluckt worden wäre wenn Noah den betrunkenen nicht mit sich mitgezogen hätte. 

Draußen in sicherer Entfernung vor dem Haus fanden sich einige zusammen und versuchten herauszufinden ob alle sicher draußen waren, die Feuerwehr wurde verständigt doch von Em war immer noch weit und breit keine Spur. Langsam wurden die Leute unruhig, Noah sah leicht panisch zwischen den Menschen hin und her, suchte nach dem Mädchen, doch er fand nur Josh der mit einem der Feuerwehrmänner redete. “Wir wissen nicht ob noch jemand in dem Haus ist nein,..es kann jedoch sein, dass die Gastgeberin selbst sich noch irgendwo in der Villa aufhält.” ein kalter Schauder rann Noahs Rücken hinunter, er erinnerte sich an das Rumpeln aus dem Kleiderschrank. “Hey Josh, sag mal hast du Chris irgendwo gesehen?” fragte Alex der torkelnd angelaufen kam, er wirkte besorgt, “Das letzte Mal hab ich ihn mit Em gesehen aber das ist schon eine Weile her.” Noah sah zu dem schwankenden Jungen hinüber, “Warte was..?” das Gefühl von Verwirrung brachte den Brünetten dazu, Alex am Kragen zu packen, “Du hast Em einfach mit diesem Proleten weg gehen lassen?! Bist du verrückt?!” Wieder ertönten Sirenen in der Ferne, sie hallten durch die Stadt und wollten einfach nicht mehr aufhören. Noah, der dadurch abgelenkt wurde, ließ Alex los was dem Brünetten auch wieder nicht passte. Doch bevor dieser wieder einmal einen Streit beginnen konnte, meldete sich Josh zu Wort, er musste wieder einmal den Verantwortungsvollen spielen. “Noah, beruhig dich. Es ist nur Chris, so schlimm ist er nicht und ich bin mir sicher, dass die beiden schon draußen sind.” Alex der versucht hatte sich während des Monologs aus dem Staub zu machen, bemerkte jedoch, dass Chris bei einem der Gruppen stand, ohne Em. “Also ehm, Josh, dreh dich mal um, Chris ist zwar draußen, aber alleine.” Der Junge drehte sich sofort um, auch Noah richtete seinen Blick auf das Grüppchen, welches sich bei Chris gebildet hatte. “Okay jetzt reichts mir, ich geh da jetzt rein, ob dir das passt oder nicht!” genervt wollte er in das immer noch brennende Haus zurück rennen, doch Josh packte ihn und zog Noah zurück. “Hey! Noah bist du wahnsinnig?! Willst du dein Leben riskieren, ohne zu wissen ob sie wirklich da drinnen ist, willst du etwas das du stirbst?! Sei nicht so blind und versuch nicht den Helden zu spielen, das hier ist kein Film!”. Der Brünette versuchte kläglich sich von dem Griff des Jungen zu befreien, sein Blick war starr und auf die Veilchen am Boden gerichtet. Ihm war klar was für Konsequenzen seine Aktionen haben könnten, doch für sie musste er alles riskieren, er hatte keine Wahl. Er richtete seinen Blick hinauf zu Josh, “Du hast mal gesagt, ‘Wenn die Flammen toben, merkt kein Mensch wenn du verrätst’, nicht wahr?”  verwirrt sah Josh seinen Gegenüber an, „Ja das schon, aber was hat das damit zu tun, dass du in ein brennendes Haus rennen willst?!”. Mit einem schelmischen Grinsen antwortete er “Alles.”, dann holte er aus, und schlug Josh mitten ins Gesicht, wodurch er Noah los ließ, welcher sofort seine Chance nutzte, um in Richtung des Hauses zu hetzen. Kurz vor seinem Ziel, wurde er jedoch unsanft von einigen Jungs nieder gerissen. Sie hatten den geblendeten verfolgt und auf den Boden der Realität befördert, egal wie sehr sich Noah wehrte, er konnte ihren Fängen nicht entfliehen. Er blickte auf die Villa vor ihm, sie stand in Flammen, und mit ihr seine Zukunft mit Em, die er sich so sehnlichst wünschte. Noah war kein Held wie in Filmen oder Videospielen, er war ein Impulsiver Teenager, verfolgt von seiner eigenen Vorstellung einer Anarchie.

 

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