Die Brücke am Fluss

Märchen

Es war einmal in einem kleinen Dorf am Rande eines Flusses, dessen Wasser so rein war, das man daraus hätte trinken können. Das glänzende Wasser war für viele verlockend, doch es war schon immer verboten ihm näher zu kommen. Nur betrachten durfte man es, man solle weit weg von diesem Fluss, und der Brücke darüber bleiben. Viele die sich hatten verlocken lassen waren nach dem Antritt ihrer Reise dorthin, nie wieder zurückgekehrt. Den Kindern in dem Dörfchen erzählte man von diesem Fluss, die Erwachsenen stellten ihn als ein Monster dar, welches Unheil über die ganze Familie brachte. Sie sagten den Kindern in diesen Gewässern schlummerte ein gefürchteter Dämon dessen Ziel es war alles in sich zu verschlingen was ihm zu nahe kam. Er war ein Dämon der Nacht, der im Mondschein inmitten der Gewässer schwebte, oder auf der Brücke über des Flusses eine Pause vom nächtlichen Trubels nahm. Tagsüber schlief er inmitten der tiefen Gewässer des Flusses, tief unten, sodass man ihn nicht erblicken konnte. Nur wenn man sich über das Ufer des Flusses beugte, konnte man ihn dort unten auf einem großen Stein schlafen sehen. Im Laufe der Zeit jedoch, fingen die Kinder an, diesem alten Märchen und den Warnungen keinen Glauben mehr zu schenken. Sie wiegten sich in ihrem Übermut. Sie waren unvorsichtige Kinder die an der Schwelle des Flusses spielten. Manche wagten es die Brücke des Dämons zu betreten, doch liefen schnell zurück auf den steinernen Weg aus Kieselsteinen. Niemand hatte es je weiter gewagt als bis zur Hälfte der Brücke, niemand außer der neugierige Zacharius, ein kleiner 13-jähriger Junge. Seine Eltern waren sehr beschäftigte Leute die wenig Zeit für Moralfragen und Trödeleien hatten. Sie waren seit der junge Zacharius denken konnte kaum bei ihm oder seinem Bruder gewesen, hatten die Beiden niemals vor Dämonen oder anderen gefährlichen Dingen gewarnt. Für Zacharius war die farbige Welt schwarz-weiß, sein Bruder schien wie eine Silhouette nicht einmal in dieser Welt zu existieren, die Welt in der er sich nichts sehnlicher wünschte als einen Freund der ihn durch die Einsamkeit begleitete, jemand der nicht sein nerviger jüngerer Bruder war. So kam es dass er eines Nachts von dem Fluss am Rande des Dorfes träumte, dort saß ein kleiner Junge in seinem Alter in Mitten der Brücke, ohne dass diese zu Bruch ging. Schweißgebadet wachte Zacharius am Morgen des nächsten Tages auf, seine Eltern waren schon längst aus dem Haus, so entschied er sich zum Fluss zu gehen und nachzusehen ob dort jemand war. Die Neugier hatte ihn beim Kragen gepackt und mit sich geschleift, in Richtung Ufer. Am anderen Ende des Flusses erblickte für den Augenblick einer Sekunde einen Hirsch, den Beschützer des Waldes, er hatte sich von dem Jungspund abgewandt, nur für eine Millisekunde neigte das anmutige Tier seinen Kopf in Richtung Zacharius, bevor er zurück in den Tiefen des Waldes verschwand. Vor Schreck rannte er zurück in sein Elternhaus, indem er sich für den Rest des Tages versteckte. Er ging nicht zur Schule, er aß und trank nicht, er lag nur in seinem Bett und dachte über die Geschehnisse seines Tages nach. Noch in derselben Nacht hatte er wieder einen Traum, er war genauso wie der Traum des vorigen Tages. Er sah einen Jungen am Rand des Ufers sitzend, trank das Wasser aus dem Fluss und lächelte den Tieren des Waldes aus der Ferne zu.

Mit zitternden Knie, begab sich der junge Zacharius am nächsten Morgen mit einer Flasche Wein, die er aus dem vollgefüllten gläsernen Schrank im Wohnzimmer entfernte, zu dem Fluss und platzierte sie neben die steinerne Brücke ohne den Korken zu entfernen. Aus Angst von den Dorfältesten bei der Tat erwischt zu werden, rannte wieder nach Hause. Zacharius aß und trank alleine in der Küche bei flackernden Lichtern, dachte über die Gestalten in seinem Traum nach, zerbrach sich den Kopf über diese seltsamen Gestalten doch konnte sich nicht erklären warum er so oft von einer wackeligen, alten, modrigen Brücke träumte. Warum war er so vernarrt darin die einzige Regel des Dorfes zu ignorieren, wenn er doch alles hatte was er brauchte? Er hatte ein Dach über den Kopf, er hatte zu Essen, ihm wurde nachts nicht kalt und durfte die Schule besuchen, dennoch sehnte er sich nach dem Verbotenen Fluss unter der Brücke. Nach dem Geheimnis was sich hinter dem Verbot lag.
Noch in derselben Nacht, träumte er von einer ihn anlächelnden Gestalt, es war der Junge aus seinem Traum der immer wieder über dem klaren Fluss schwebte, unter ihm spiegelten sich die Sterne und der Mond inmitten des Flusses. Erfreut vom Anblick des Waldgeistes lächelte er, die Weinflasche in seiner Hand haltend schaute er zu dem jungen Zacharius, und flüsterte mit zarter

Stimme, “Wenn andere von dieser Brücke springen, springst du dann auch hinunter?”. Zacharius schüttelte den Kopf, am Ufer neben dem Hirsch stehend, schaute er hinab in das glitzernde Wasser. Der über dem Fluss schwebende Junge besaß kein Spiegelbild, genauso wie der Hirsch kein klares Spiegelbild besaß. Die Sicht des jungen Zacharius verschwamm langsam, er wachte auf.
Es war noch stockdunkel draußen, funkelnde Sterne bedeckten den Himmel und der Mond schien noch nie so hell gewesen zu sein. Noch an diesem Abend begab sich Zacharius zu der Brücke über dem Fluss, betrachtete den dunklen Wald auf der anderen Seite des Ufers sowie das glänzende Wasser in welchem sich die Sterne spiegelten. Er atmete tief ein, nahm seinen Mut zusammen und trat einen Schritt nach vorne auf die wackelige Steinbrücke. Mit zitternden Knien ging der 13-Jährige langsam auf die Mitte der Brücke zu, dort fand er den Jungen aus seinem Traum, welcher die Flasche Wein in seiner Hand hielt, welche Zacharius am Tag zuvor bei der Brücke hatte stehen lassen. Die Blicke der beiden trafen sich, Zacharius war wie versteinert während der Gleichaltrige ihn entsetzt anstarrte. “Bist du verrückt? Weißt du denn nicht wer ich bin Junge?”, Zacharius starrte den auf der Brücke stehenden an, “Ich kann mir denken dass du der Grund bist warum niemand diesem Fluss zu nahe kommen darf.” Verwirrt sah der Junge, Zacharius an. “Haben dir deine Eltern denn nie von dem Dämon der in diesem Fluss schläft erzählt?”, Zacharius starrte den Jungen an, “Nein, aber dir hat anscheinend auch niemand von diesem Dämon erzählt.” Die beiden standen sich Still gegenüber, bis der Junge die Flasche Wein auf den steinernen Boden der Brücke stellte, “Zacharius, ich bin der Dämon der über diesen Fluss wacht. Ich wache über die Geschöpfe die vor der Schwelle des Todes stehen. Wach auf. Lebe dein Leben denn deine Zeit ist noch nicht gekommen.”
Die Brücke unter Zacharius Füßen brach nicht, sie hielt ihm stand und ließ ihn gehen. Zacharius stand mit beiden Füßen auf dem festen steinernen Weg vor der Brücke, blickte mit einem Lächeln zurück und rief dem Dämon hinterher, “Pass auf meinen Bruder auf bis ich wirklich zu dir komme.”
Seine Füße versinken inmitten der Kieselsteine am Wegesrand, seine Augen schlossen sich nur um sich wieder zu öffnen. Die Dunkelheit verschwand und ein grelles Licht schien ihm ins Gesicht, das Piepen eines Herzschrittmachers war zu hören, an seinen Armen spürte er Kabel die ihn mit anderen Maschinen in Verbindung setzen. Er sah sich um, mit verschwommenen Erinnerungen, befand er sich in einem weißen sterilisierten Raum in welchem sofort eine Krankenschwester stürmte.

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