Ghost in the machine oder von den Tücken des Online-Unterrichts

Bevor ich von meinen Erlebnissen mit dem Online-Unterricht von letzter Woche berichte, muss ich noch ein paar kurze Bemerkungen voranstellen. Erstens lebe ich am Land, soll heißen, fernab einer mehr oder weniger zivilisierten Waldviertler Kleinstadt. Die Internet-Leitung zu uns ist also verdammt lang(sam). Zweitens wohne ich gemeinsam mit meinem Bruder und meinen Eltern, die ebenfalls Home-Schooling haben bzw. -Office arbeiten. Dass erstens für zweitens nicht gerade günstig ist, brauche ich dann wohl nicht mehr zu sagen.

Aber ansonsten haben wir es gut. Wenn ich meinen Kopf vom Bildschirm nach rechts wegdrehe so sehe ich durchs Fenster auf grüne Felder, Wiesen und den Wald. Soll heißen, wenn ich die Nase voll habe vom Bildschirm-Starren, so blicke ich über genau diese Felder, Wiesen und den Wald auf den Horizont. Das hilft - ehrlich gesagt – meistens oder zumindest oft, wenn ich gestresst bin oder mich über etwas ärgere. Der Blick auf den Horizont entspannt, und ist ein klarer Vorteil gegenüber dem Blick aus dem Klassenzimmer in der Schule. Der Blick aus dem Fenster dort entspannt wenig bis gar nicht.

Nun ja, Home-Schooling. Das läuft also bei mir ungefähr so ab...

MONTAG - Der erste Tag der Woche startet schon wieder mit 3 Videochats. Das heißt, ich gehe zuerst zu Mama in ihr Arbeitszimmer, dann zu Papa und verkünde „Videochat von xx bis xx und von xx bis xx“. Mama seufzt und nickt, sie weiß, dass sie dann jede Internet-Recherche oder Upload von Daten unterlassen muss. Mamas Arbeitskollege aus Frankreich witzelt schon „Oh, gerade Pause in der Schule? Isch abs bemerkt, denn isch abe dein Email bekommen.“

Auch mein Bruder und mein Papa kennen sich aus, Verschicken von Dateien ist nur in der Zeit zwischendurch erlaubt. Ich blicke auf mein Handy, das wird ja interessant, denn ich habe einen Videochat in der 4. und den anderen in der 6. Stunde... Soll ich nun gestresst dazwischen Mittagessen haben oder sollen die anderen meinen knurrenden Magen im Videochat hören? Nach

einigen Stunden vor dem Bildschirm schmerzen meine Augen. Gut, dass Mama mitdenkt und mir heute einen Karottensaft kauft.

DIENSTAG - Ich vermisse meine zwei Schulfreundinnen schon sehr. In der Schule war es immer sehr lustig zu dritt. Das sind die weniger lustigen Seiten zurzeit. Die guten Seiten hingegen sind, dass ich heute länger schlafen konnte. Die 30 Minuten Busfahrt zur Schule habe ich also angenehm verschlafen. Das ist nicht so schlecht. Aber nun muss ich mit dem Träumen aufhören, der nächste Videochat beginnt gleich.

Da fällt mir ein, dass ich die Hausübung noch abgeben muss. Heute Mittag Deadline, super toll, dabei haben wir heute laut Stundenplan dieses Fach überhaupt nicht. Meinem Bruder im Nebenzimmer ist gerade aufgefallen, dass er einen Abgabetermin übersehen hat. Montag stand auf dem Plan, beim genaueren Hinsehen Montag 0:10 Uhr. Dass er sich ärgert, merke ich an seinem lautstarken Tippen auf der Tastatur.

MITTWOCH- Was mir schon längst aufgefallen ist: Die Lehrerinnen und Lehrer sind am Bildschirm weniger witzig als sonst. Keine lustigen Bemerkungen zwischendurch, gar nichts. Die Videochats sind oft doch ein wenig langweilig... Um die Stimmung etwas aufzulockern, habe ich die Idee, dass wir alle Stofftiere vor die Kamera setzen könnten, sodass der Lehrer oder die Lehrerin nicht uns sondern diese sieht. Gedacht, getan. Meine Klassenkollegen und -kolleginnen machen alle mit. Voller Erfolg. Unser Mathematik-Lehrer muss lachen und überrascht uns dann mit seinem Stofftier.

 

 

 

 

 

 

Nun bin ich auch für Geschichte inspiriert. Ich lasse mir von meiner Mama ein Häferl mit Kaffee servieren. „Haben Sie die Melange bestellt?“ fragt sie mich vor eingeschaltener Kamera und laufendem Mikro und stellt mir für alle anderen gut sichtbar den Kaffee hin. Der Lehrer scheint nun ziemlich verwirrt zu sein. Wieder ein Erfolg! Und der Kaffee tut auch gut.

DONNERSTAG - Heute haben wir ein Kahoot Quiz gespielt. Frust pur. Die möglichen Antworten auf die Fragen sehe ich erst, als die anderen schon die richtigen Antworten geklickt und sich ihr Lob von der Lehrerin geholt haben.

Überhaupt gibt es heute ganz nette Effekte auf meinem Bildschirm zu sehen. Grund dafür ist der zeitgleiche Videochat, den mein Bruder hat. Ich kann die Lehrerin nur mehr sehen und nicht mehr hören, er kann seine Lehrerin nicht mehr sehen und nur mehr hören. Immerhin, wir teilen.

Freitag

Letzte Chance für den Scherz der Woche! Nehme mir ein langes, weißes Tuch, schneide zwei runde Löcher rein und stülpe es mir über. So als Geist verkleidet, setze ich mich zum Mathematik- Videochat. Ghost in the machine, sozusagen. Schaut gut aus, für absurde Scherze bin ich zu haben. Vielleicht sind das schon die Auswirkungen von Home-Schooling, werde meine Psycho-Lehrerin fragen, ganz sicher hat sie dafür eine Erklärung, der nächste Videochat mit ihr startet gleich.

 

 

 

Comments

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Gast (nicht überprüft), So., 06.12.2020 - 11:24
:-D
How do you think we teachers feel?
Theresa, I like how you capture seemingly every-day /banal events and humorously turn them into an enjoyable read .
Peter Dirr