Straßenteppich

Eine poetische Kurzgeschichte

Der braune Teppich auf der Straße sieht nicht so aus, wie braune Teppiche normalerweise aussehen: Statt weich-borstig schmierig-ungemütlich, statt der sonstigen Wärme steht ihm die grobe Dezemberkälte ins Gesicht geschrieben. Außerdem hat er lange Rillen, die ihn schon in fünf schmutzige, schmale Läufer zerteilt haben, verursacht durch die zahllosen Automobile. Gar allzu unliebsam fahren sie die Zwischenräume zwischen den Läufern entlang, ihre harten, schwarzen Reifen drängen ihren beschmutzten Stoff immer weiter an den Randstein, wo er traurig und abgesondert nach kurzem Fluge landet und liegen bleibt, sich des frühen Morgens entsinnend, an dem er noch weiß und sauber und frisch auf der Straße lag.
Und auch ich bin der frühen Stunden eingedenk. Was war er nicht schön gewesen, dieser Teppich, so unbeschmutzt, als käme er direkt aus dem Waschzuber, nein, als wäre er gerade erst frisch gewoben worden, nur für uns, nur für diese Stadt. Er war so allumfassend gewesen, hüllte nicht nur die Straßen, sondern auch die Hausdächer und Baumwipfel in funkelndes Weiß. Und all die künstlichen, hässlichen Kanten und Ecken der Feuerhydanten und Grundwasser-brunnen, stehenden Fahrzeuge, Mistkübel und Müllcontainer wurden mit sanften, in den ersten, kühlen Wintermorgen-Sonnenstrahlen glitzernden – und nun nennen Sie mir nur ein Teppichmodell, dessen Pracht sich auf solch wunderbare Weise im Angesicht der Sonne vervielfältigt – Rundungen bedeckt. So eine vergängliche Schönheit…
Doch nun ist die anmutige Pracht, die die Straßen mit solch eigenartig sanft-vertrauter Mystik erfüllte, verschwunden. Die Zweige der Robinien, Eichen, Buchen, Ebereschen und Pappeln tragen längst keine weiße Hauptbedeckung mehr, die Eiszapfen brachen ach so früh schon ab und keine weißen Flöckchen sorgen mehr für Nachschub wie heute Morgen. Die letzten weißen Flecken in der Landschaft versuchen verzweifelt, das Antlitz des Grundes zu retten – gar wie Make-Up, welches viel zu spärlich aufgetragen wurde -, was ihnen jedoch nicht im Geringsten gelingt, sie wirken eher fehl an Platz, wie sie da so schmelzend im Dreck liegen und ihre letzten Atemzüge auf Gottes Erden tun, oder schmutzig neben der Straße liegen.
Hoffentlich schneit’s bald wieder, denke ich und eile zum Bus, wobei ich versuche, mich nicht mit Dreck zu beschmutzen.

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