Von Syrien ans BORG Krems

Die Geschichte eines einzelnen Mädchens inmitten der riesigen Flüchtlingsbewegung

Ich habe mit einer Schülerin des Borg Krems gesprochen und sie gefragt, ob es okay wäre, wenn ich ihre Story über den Verlust ihrer Heimat, die Flucht nach Österreich und den Neuanfang hier mit euch teile. Sie hat zugestimmt und mir ihre Geschichte erzählt, die ich hier jetzt gerne weitergeben möchte.

 

Das Mädchen kommt aus der syrischen Stadt Daraa und wuchs dort mit drei älteren Geschwistern auf. Sie ging jeden Morgen um sieben mit ihrer Mutter zur Schule, weil diese als Lehrerin arbeitete. Ihr Vater war Zollbeamter und ihr ältester Bruder besuchte bereits die Universität. Die Familie lebte in einer Wohnung im dritten Stock, mit zwei Balkonen und relativ viel Platz. Auf die Frage hin, ob man Syrien mit Europa vergleichen könne, meinte sie lediglich: „In Syrien wird viel mehr Wert auf Beziehungen gelegt.“ Die Leute treffen sich oft mit ihren Freunden oder Nachbarn und jeder ist jederzeit willkommen, ja es war sogar unhöflich abzulehnen, wenn man gebeten wurde einmal kurz vorbeizukommen.

2011 fingen es in Syrien an wirklich kritisch zu werden und das direkt in Daraa. Zwei Jugendliche sprayten an eine Wand, dass sie Baschar al- Assad nicht mehr als Präsident haben wollen und das war der Tropfen zum Überlaufen im schon brodelnden Syrien. Die Jugendlichen wurden festgenommen, geschlagen und einer der beiden starb. Das war der Beginn des bis heute andauernden Krieges.

2015 wurde die Angst der Familie vor Bombenangriffen immer größer, auch zurecht, denn eines Tages, als das Mädchen auf der Straße mit seinen Freunden spielte, wurde das Haus samt der Wohnung und ihrer Familie darin von einer Bombe getroffen. Ein Wunder, dass niemand in der Familie verletzt wurde und alle überlebten.

Dieser Bombenangriff und die Tatsache, dass die beiden über 18jährigen Brüder zum Militär einrücken hätten müssen, waren die Gründe für die Flucht. Die Familie hatte kein Zuhause mehr und sie wusste, dass, wenn die Brüder zur Armee gingen, sie nicht wieder zurückkommen würden.

Das Geld, das die Familie vom Verkauf des Hauses erhalten hatte, nützten sie, um die Flucht zu bezahlen. Von Anfang an war klar, dass das Ziel Österreich ist, denn der Onkel, der Chirurg war, war bereits nach Österreich geflüchtet.

Die „Reise“ begann in Damaskus, von wo aus sie mit dem Taxi in den Libanon fuhren. Vom Libanon ging es mit einem Schiff in die Türkei und von der Türkei mit einem Schlauchboot nach Griechenland. Als sie mir von der Überfahrt mit dem Schlauchboot erzählte, sagte sie, sie habe damals gedacht, sie würde sterben. Das Boot war für maximal 25 Menschen erlaubt, an Bord befanden sich allerdings vierzig. Als sie die Mitte des Meeres erreicht hatten, war der Tank leer und sie mussten ihn mit Benzin aus einer kleinen Flasche nachfüllen. Das alles auf einem vom Meer wackelnden und halb mit Wasser gefüllten Boot. Doch sie erreichten Griechenland heil und fuhren von dort aus mit einem Lastwagen nach Mazedonien. Dann ging es nach Serbien und von dort aus acht Stunden zu Fuß nach Ungarn, wo sie in den Zug stiegen, der sie nach Wien brachte.

Mittlerweile war die Familie 3 Tage ohne Essen unterwegs und wurde am Wiener Westbahnhof von Flüchtlingshelfern mit warmem Essen empfangen. Sie erzählte mir, dass es das in Ungarn nicht gegeben hatte und sie einfach unendlich glücklich waren in Österreich angekommen zu sein.

Sie haben sich bei der Polizei angemeldet und verbrachten dann einen Tag in Villach, dann 3 Monate in einem Flüchtlingslager in Klosterneuburg, wohnten dann 6 Wochen lang in EINEM Zimmer in Eisenstadt und fanden dann durch eine Ärztin, eine Kollegin des Onkels, ein Haus in Tulln.

Im Burgenland erhielten sie einen positiven Asylbescheid und Genehmigung für einen Aufenthalt auf unbegrenzte Zeit.

Die Mutter des Mädchens wurde mit 43 Jahren noch einmal schwanger und es wurde eine kleine Schwester geboren.

Anfang 2016 besuchte die Schülerin die NMS Tulln und begann unsere Sprache zu lernen. Sie sagte, sie habe am Anfang eine Woche lang nur geweint, weil sie nichts verstanden hat, aber nach einiger Zeit wurde es leichter und sie lernte schnell und fleißig.

Im September 2017 kam das Mädchen dann ans BORG Krems. Am Anfang war die Umstellung sehr schwierig, weil das Level zwischen NMS und Oberstufengymnasium nicht zu unterschätzen ist, doch sie lebte sich ganz gut ein. Sie bestand auch ihre B2 Prüfung am BRG  Krems, doch musste sie trotz ihrer hervorragenden Leistung das Schuljahr wiederholen. Sie sagte, das sei ihr von vornherein klar gewesen und sie hatte auch kein Problem damit, auch wenn sie ihr Bestmögliches versucht hat mitzukommen.

In ihrer neuen Klasse fand sie schnell Anschluss und lobte ihre Freunde in den höchsten Tönen!

Auf die Frage, was sie am Ende denn noch loswerden wolle, meinte sie Folgendes: „Ich bin dankbar, dass ich in Österreich die Chance auf so eine gute Ausbildung habe, denn in Syrien zählen Noten sehr viel und nur mit perfekten Leistungen kannst du im späteren Leben gut sein. Hier bekommt man die Möglichkeit alles zu machen, was man will, ohne zwingend Matura oder so zu machen.“

Eine Sache wollte ich dann noch wissen und fragte, was sie fühlt, wenn man sie als Ausländerin oder Flüchtling bezeichnet. Sie sagte, dass sie es nicht mag so bezeichnet zu werden, auch wenn sie weiß, dass sie das ist. Diese Worte haben eine gewisse Vorbelastung und es ist ihr wichtig, dass die Menschen wissen, dass sie nicht faul ist und dass sie nicht ohne Grund geflohen ist. „Wir sind fortgegangen, weil wir leben wollten und nicht sterben!“

Sie ist stolz auf ihre Brüder und ihren Vater, die alle einen Job haben und ihre Lehrabschlussprüfung bestanden haben. Sie sagt noch einmal, dass sie nicht faul sind, aber dass sie auch weiß, dass nicht alle, die ihr Schicksaal teilen, sich richtig verhalten.

Sie ist dankbar für ihre neue Heimat, ihre neue Chance und ihre neuen Freunde.

Und ich bin dankbar für eine neue Freundin und möchte hier noch einmal betonen, dass jeder Mensch eine Geschichte hat und man sich diese immer vorher anhören sollte, bevor man einen Menschen verurteilt.

 

 

Comments