The years lie in wait for you

Über "The Weeping Woman" und meine Abneigung gegen Picasso

Es gibt nur zwei Arten von Frauen, Göttinnen und Fußmatten

Pablo Picasso

Eine Anekdote rund um die erste Begegnung zwischen Dora Maar und Pablo Picasso beschreibt, wie sie ein Messer zwischen ihren schwarz behandschuhten Fingern in das Holz des Tisches schlägt, immer weiter und immer weiter, ab und zu trifft das Messer versehentlich einen Finger und die kleinen gestickten Rosen auf den Handschuhen färben sich rot.

Picasso fragt nach diesen Handschuhen, bewahrt sie in seinem Haus auf und zeigt sie gerne Besuchern.

Sie wird zu seiner neuen Muse und er malt viele Portraits von ihr, sie ist seine bekannte “Weinenden Frau”, die das Schicksal des damals faschistischen Spaniens beweint.

 

Pablo Picasso wird von vielen Kunsthistorikern und auch der erstbesten Dokumentation, die mir auf Youtube angezeigt wird, als Frauenheld beschrieben. Er sei ein charmantes Genie, mit vielen Mätressen und Ehefrauen, er habe das Frauenbild revolutioniert.

Nun kann ich diesen Aussagen natürlich nicht einfach widersprechen, aber diese Darstellungen regen mich auf. Es ist schon lange bekannt, dass dieses Genie nicht nur seine Geliebten sowohl physisch als auch emotional missbraucht hat, sondern auch seine Familie mental zerstört hat.

Seine Enkelin schreibt in ihrem Buch “Und Trotzdem eine Picasso” über ihren Großvater:

 

His brilliant oeuvre demanded human sacrifices. He drove everyone who got near him to despair and engulfed them. No one in my family ever managed to escape from the stranglehold of this genius. He needed blood to sign each of his paintings: my father's blood, my brother's, my mother's, my grandmother's and mine. He needed the blood of those who loved him -- people who thought they loved a human being, whereas they really loved Picasso.

Marina Picasso

 

Dora Maar, die Weinende wurde oft als von Leid geplagt und masochistisch von dem Künstler dargestellt. Ihr Schmerz, der von ihm zugefügt wurde, war seine Inspiration.

 

 

 

Aber sie war so viel mehr als nur Leid und Schmerz und Picasso. Sie war eine eigenständige spannende Figur des Surrealismus und war politisch stark engagiert. Es heißt  sogar, sie hätte Pablo Picasso dazu angeregt die Guernica zu malen.

Sie war eine tolle talentierte Künstlerin und hat bis zu ihrem Tod gemalt und fotografiert.

Ihre Fotografien sind einige meiner Lieblingswerke, ich habe die Darstellung einer Person, die durch ein Spinnennetzt blickt, mit dem Titel “The years lie in wait for you” in meinem Zimmer hängen.

 

 

 

 

Ich bin es leid von Picasso zu hören, von seinen Geschichten, von seiner Selbstverherrlichung. Nein Picasso, sowohl Dora Maar als auch Marie-Thérèse Walter widersprechen der Geschichte, sie hätten angefangen um dich zu kämpfen, weil du einfach so liebenswert warst. Es wird von Picasso geredet, Leute die seine Kunst nicht mögen abfällig belächelt, weil sie einfach nicht die Tiefe abstrakter Kunst verstehen. Antonio Banderas wird in einer Serie namens “Genie” als Picasso gecastet, in “Midnight in Paris” wird er als sensibler leidenschaftlicher Künstler dargestellt.

Wir reden nicht davon, dass Künstlerinnen ihrer Identität und ihrer Kunst beraubt wurden, weil Picasso, der Frauenversteher, der Macho, das Genie, Inspiration brauchte. Es ist mir egal, ob Pablo Picasso ein guter Künstler war, ich habe nichts gegen seine Kunst, ich habe etwas gegen die Entstehungsgeschichten dieser.

Wir müssen uns nicht fragen, “Aber hätte Picasso diese revolutionären Kunstwerke machen können, ohne den Schmerz  anderer?”, sondern “Was für großartige Kunstwerke hätte Dora Maar gemacht, wäre sie nicht ständig  auf Picasso’s Vision der Weinenden Frau reduziert worden?"

Man wird nicht als Genie geboren, man wird zu einem Genie gemacht. "Genie" ist das Wort, dass wir Beobachter wie eine Medaille um Leute hängen, die wir bewundern, deren Arbeit mit uns resoniert. Van Gogh war Zeit seines Lebens kein Genie, er  wurde in den 1970ern zu einem Genie gemacht, weil der Schmerz und die Rastlosigkeit seiner Bilder die Menschen damals ansprachen, es immer noch tut. Wir geben Picasso den Titel "Genie", weil seine Art zu malen revolutionär war, weil auch  seine Bilder und Gefühle geben, uns mit ihm verbinden.

Aber der Schmerz in "The weeping Woman" ist nicht Picassos Schmerz, es ist nicht der Schmerz der Spanier aufgrund des faschistischen Regimes Francos, es ist der Schmerz Dora Maars. Wenn ich die Bilder sehe, fühle ich diesen Schmerz auch, als weiblich sozialisierte Person die Kunst macht tut es weh eine nicht anerkannte Künstlerin zu sehen, die von ihrem bekannten Liebhaber in die Ecke gedrängt wurde. Es tut weh, dass niemand davon redet.

Dora Maars Schicksal als von Leid geplagte Muse, anstatt lebensfroher talentierter Fotografin, stürzt auf mich herab, man hat ihr die Persönlichkeit gestohlen.

Sie sagte über seine  Portraits: “Alle seine Bilder von mir sind Lügen. Sie sind Picassos. Keines davon ist Dora Maar.”. Auch das, was ich jetzt über sie schreibe, ist nicht Dora Maar, genau wie Picasso benutze ich ihren Schmerz, reduziere sie darauf. Dora  Maar ist 1997 in Paris gestorben, wir werden nie wissen, wer sie wirklich war. Wir können aber ihre Bilder anschauen und uns selbst darin wiederfinden. Vielleicht sehen wir dann auch einen kleinen Teil von Maar und fühlen die Verbindung zu ihr.

 

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